Warum Ihr Blutdruck bei jeder Messung anders ist
Zwei Messungen im Abstand von zwei Minuten, zwei verschiedene Zahlen – und beide sind korrekt gemessen. Warum der Blutdruck im Sekundentakt schwankt und was das für Ihr Blutdrucktagebuch bedeutet.
Sie messen, notieren 128/82, warten zwei Minuten, messen noch einmal – und das Gerät zeigt 141/88. Kein Fehler, kein defektes Gerät. Beide Werte können in diesem Moment richtig gewesen sein.
Der Grund dafür ist eine Eigenschaft des Kreislaufs, die kaum jemand erklärt bekommt: Blutdruck ist keine Zahl, sondern ein Verlauf. Er verändert sich mit jedem Atemzug.
Der Blutdruck atmet mit
In der Physiologie unterscheidet man Blutdruckschwankungen nach ihrer Ursache. Die Schwankung erster Ordnung ist der Herzschlag selbst – der Unterschied zwischen Systole und Diastole. Die Schwankung zweiter Ordnung folgt der Atmung.
Beim Einatmen dehnt sich der Brustkorb, der Druck im Brustraum sinkt, das Blut fließt anders zum Herzen zurück. Beim Ausatmen kehrt sich der Effekt um. Der Blutdruck steigt und fällt dadurch rhythmisch, ohne dass sich an Ihrem Gesundheitszustand irgendetwas geändert hätte.
Wie groß ist dieser Effekt?
Beim Gesunden fällt der systolische Wert während des Einatmens typischerweise um bis zu etwa 10 mmHg. Das ist normal und braucht niemanden zu beunruhigen.
Wichtig zu wissen: Ein deutlich stärkerer Abfall – mehr als etwa 10 mmHg – hat einen eigenen Namen, Pulsus paradoxus, und ist ein Befund, der ärztlich eingeordnet gehört. Zu Hause lässt sich das nicht selbst beurteilen; auffällig große Unterschiede zwischen aufeinanderfolgenden Messungen sind aber ein guter Anlass, das anzusprechen.
Warum zwei Messungen 20 mmHg auseinanderliegen können
Die Atmung allein erklärt nicht die ganze Spanne. Sie addiert sich mit allem anderen, was sich zwischen zwei Messungen ändert:
- Atemphase im Moment der Messung – bis zu rund 10 mmHg
- Armhaltung: 10 cm unter Herzhöhe – rund 7,5 mmHg
- Sprechen während der Messung – bis zu 10 mmHg
- Volle Blase, Kaffee, Nikotin, fehlende Ruhephase – jeweils zweistellig möglich
Zwei technisch einwandfreie Messungen können so leicht 20 mmHg auseinanderliegen. Das ist genau der Abstand zwischen „unauffällig“ und „behandlungsbedürftig“ – und der Grund, warum aus einem Einzelwert keine Diagnose wird.
Was daraus praktisch folgt
Der Ausweg ist nicht, so lange zu messen, bis eine schöne Zahl erscheint. Der Ausweg ist, die Schwankung mitzumessen, statt sie wegzuwünschen.
- Immer zwei Messungen im Abstand von ein bis zwei Minuten – und beide notieren.
- Morgens und abends, sieben Tage lang. Der Mittelwert dieser Serie ist der Wert, der zählt.
- Ruhig und gleichmäßig atmen, nicht bewusst tief einatmen und nicht die Luft anhalten.
- Immer unter denselben Bedingungen messen: gleiche Uhrzeit, gleiche Sitzposition, gleicher Arm.
- Ausreißer nicht löschen. Ein Ausreißer im Tagebuch ist eine Information, kein Fehler.
Wie Sie die vermeidbaren Fehler ausschalten, steht in Blutdruck richtig messen: 7 Fehler, die Ihre Werte verfälschen. Warum die Armhaltung so viel ausmacht, erklären wir in Handgelenk oder Oberarm.
Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten
Wenn der Mittelwert Ihrer Sieben-Tage-Serie bei oder über 135/85 mmHg liegt, gehört das ärztlich bewertet. Das Gleiche gilt, wenn die Werte trotz sauberer Messbedingungen extrem streuen, wenn einzelne Werte über 180/110 mmHg auftreten oder wenn Beschwerden wie Schwindel, Sehstörungen, Atemnot oder Brustschmerz dazukommen.
Nehmen Sie Ihr Tagebuch mit – vollständig, mit allen Ausreißern. Genau die machen es aussagekräftig.
Häufige Fragen
Warum zeigt mein Gerät bei zwei Messungen hintereinander verschiedene Werte?
Weil der Blutdruck sich laufend verändert. Die Atmung allein verschiebt den systolischen Wert beim Gesunden um bis zu etwa 10 mmHg, dazu kommen Armhaltung, Anspannung und Zeitpunkt. Unterschiede zwischen zwei Messungen sind normal und kein Gerätefehler.
Welchen der beiden Werte soll ich notieren?
Beide. Für die Beurteilung zählt der Mittelwert aus einer Serie über sieben Tage, nicht ein einzelner Wert. Wer nur den niedrigeren notiert, macht das Tagebuch unbrauchbar.
Soll ich beim Messen tief atmen oder die Luft anhalten?
Weder noch. Atmen Sie ruhig und gleichmäßig weiter. Bewusst verändertes Atmen verfälscht den Wert zusätzlich.
Ab wann ist die Schwankung nicht mehr normal?
Ein systolischer Abfall von deutlich mehr als 10 mmHg beim Einatmen wird als Pulsus paradoxus bezeichnet und gehört ärztlich abgeklärt. Zu Hause lässt sich das nicht sicher beurteilen – auffällig große Unterschiede sind ein Anlass, das Thema anzusprechen.
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Quellen
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Behandlung. Bei Beschwerden oder Fragen zu Ihrer Therapie wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.