Blutdruck messen

Blutdruck messen mit der Smartwatch: Was die Uhr wirklich kann

Eine Uhr am Handgelenk misst keinen Druck – sie rechnet ihn aus Lichtsignalen hoch. Warum dieser Unterschied darüber entscheidet, ob eine Zahl medizinisch etwas wert ist.

Von BPER Redaktion · · 4 Min. Lesezeit
Vergleich der Messprinzipien: optischer Sensor schätzt den Blutdruck, die Manschette misst ihn
Vergleich der Messprinzipien: optischer Sensor schätzt den Blutdruck, die Manschette misst ihn

Seit Smartwatches und Fitnessringe Hinweise zum Blutdruck geben, taucht in Arztpraxen eine neue Frage auf: Meine Uhr sagt, alles sei in Ordnung – muss ich dann überhaupt noch mit der Manschette messen?

Die Antwort hängt an einem technischen Detail, das in den Produktbeschreibungen selten deutlich wird: Eine Uhr am Handgelenk misst keinen Druck. Sie schätzt ihn. Was das praktisch bedeutet, lässt sich inzwischen mit Zahlen belegen.

Was eine Smartwatch tatsächlich misst

Nahezu alle Wearables arbeiten mit Photoplethysmographie, kurz PPG. Kleine LEDs strahlen Licht in die Haut, ein Sensor erfasst, wie viel davon zurückkommt. Weil sich das Blutvolumen im Gewebe mit jedem Herzschlag ändert, schwankt auch das reflektierte Licht. Aus dieser Lichtkurve berechnet ein Algorithmus Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung – und bei manchen Geräten eine Einschätzung zum Blutdruck.

Gemessen wird dabei Licht, nicht Druck. Der Blutdruckwert entsteht erst im nächsten Schritt, durch ein Rechenmodell.

Warum geschätzt nicht dasselbe ist wie gemessen

Ein klassisches Oberarmgerät geht den umgekehrten Weg. Es pumpt eine Manschette auf, bis der Blutfluss in der Arterie zum Erliegen kommt, und lässt den Druck kontrolliert ab. Der Punkt, an dem das Blut wieder fließt, ist der systolische Wert; der Punkt, an dem das Strömungsgeräusch verschwindet, der diastolische. Das ist eine physikalische Messung eines physikalischen Drucks. Das Verfahren geht auf Riva-Rocci und Korotkow zurück und ist seit über hundert Jahren der medizinische Bezugspunkt.

Ein optisches Modell dagegen leitet den Druck indirekt ab. Es braucht in der Regel eine Kalibrierung gegen ein Manschettengerät, es reagiert empfindlich auf die Position des Arms, auf Hauttyp, Tätowierungen, Bewegung und Temperatur – und seine Kalibrierung veraltet mit der Zeit. Ein Schätzwert kann in vielen Fällen richtig liegen. Verlässlich ist er dadurch nicht.

Was die Forschung zur Trefferquote sagt

Ende 2025 haben mehrere Hersteller Funktionen eingeführt, die über einen Zeitraum von etwa 30 Tagen auf mögliche Anzeichen von Bluthochdruck hinweisen. Wichtig zu wissen: Diese Funktionen liefern keine Blutdruckwerte. Sie geben einen Hinweis – oder eben keinen.

Eine 2026 im Journal of the American Medical Association veröffentlichte Auswertung hat hochgerechnet, was das in der Bevölkerung bedeuten würde. Das Ergebnis: Rund 59 Prozent der Erwachsenen mit unerkanntem Bluthochdruck würden keinen Hinweis erhalten. Gleichzeitig würden etwa 8 Prozent der Menschen ohne Bluthochdruck einen Hinweis bekommen, der sich nicht bestätigt.

Daraus folgt eine praktische Regel, die man sich merken kann: Ein Hinweis der Uhr ist ein Anlass, sauber nachzumessen. Ein ausbleibender Hinweis ist keine Entwarnung.

Wofür ein Wearable trotzdem gut ist

Das ist kein Argument gegen Wearables an sich. Sie sind stark in dem, wofür sie gebaut wurden: Herzfrequenz über den Tag, Ruhepuls im Verlauf, Schlafphasen, Aktivität, Erinnerungen. Manche Modelle erkennen Vorhofflimmern erstaunlich zuverlässig, weil sie dafür kein Druckmodell brauchen, sondern nur den zeitlichen Abstand zwischen zwei Herzschlägen – und den erfasst ein optischer Sensor tatsächlich direkt.

Der Fehler liegt nicht im Gerät. Er liegt in der Erwartung, dass ein Screening-Hinweis dasselbe leistet wie eine Messung.

Was auch eine gute Einzelmessung nicht zeigt

Der zweite blinde Fleck betrifft alle Geräte, auch das beste Oberarmgerät. Systole und Diastole beschreiben zwei Punkte eines Vorgangs, der ununterbrochen weiterläuft. Was zwischen zwei Messungen passiert – nachts, unter Belastung, in den Minuten nach dem Aufstehen – bleibt unsichtbar.

Genau diese Schwankungsbreite ist aber medizinisch relevant. Wer einmal am Tag misst, sieht eine Momentaufnahme; wer den Verlauf sieht, erkennt Muster. Das ist der Unterschied zwischen einem Foto eines Flusses und dem Wissen, ob der Pegel gerade steigt oder fällt.

Wie eine belastbare Messung zu Hause aussieht

  1. Ein validiertes Oberarmgerät verwenden – validierte Geräte sind bei den Fachgesellschaften gelistet.
  2. Fünf Minuten ruhig sitzen, nicht sprechen, Manschette auf Herzhöhe.
  3. Zwei Messungen im Abstand von ein bis zwei Minuten, beide notieren.
  4. Morgens und abends, über sieben Tage – der Mittelwert dieser Serie zählt, nicht der Einzelwert.
  5. Hinweise aus der Smartwatch als Anlass zum Nachmessen behandeln, nicht als Ergebnis.

Wie man dabei die häufigsten Fehler vermeidet, steht ausführlich in unserem Beitrag Blutdruck richtig messen: 7 Fehler, die Ihre Werte verfälschen. Die Begriffe rund um Puls und Druckverlauf erklären wir in den Fachbegriffen.

Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten

Wenn Ihre Uhr einen Hinweis auf möglichen Bluthochdruck gibt, messen Sie eine Woche lang sauber nach und besprechen Sie die Werte ärztlich. Das Gleiche gilt bei dauerhaft erhöhten Werten ab 135/85 mmHg im häuslichen Umfeld, bei stark schwankenden Werten und bei Beschwerden wie Schwindel, Sehstörungen oder Brustschmerz.

Und wenn die Uhr nichts meldet, Sie sich aber unwohl fühlen: Verlassen Sie sich auf das Gefühl, nicht auf das ausbleibende Signal.

Häufige Fragen

Kann eine Smartwatch den Blutdruck wirklich messen?

Nein. Verbreitete Wearables erfassen optische Signale und leiten daraus eine Schätzung ab. Eine physikalische Druckmessung findet nicht statt. Manche Modelle geben über einen Zeitraum von etwa 30 Tagen einen Hinweis auf mögliche Anzeichen von Bluthochdruck, aber keine Blutdruckwerte.

Wie zuverlässig sind die Bluthochdruck-Hinweise der Smartwatch?

Eine 2026 im Journal of the American Medical Association veröffentlichte Auswertung kommt zu dem Ergebnis, dass rund 59 Prozent der Erwachsenen mit unerkanntem Bluthochdruck keinen Hinweis erhalten würden. Etwa 8 Prozent der Menschen ohne Bluthochdruck bekämen einen Hinweis, der sich nicht bestätigt.

Meine Uhr meldet nichts – ist mein Blutdruck dann in Ordnung?

Nicht zwangsläufig. Ein ausbleibender Hinweis schließt Bluthochdruck nicht aus. Wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören oder Beschwerden haben, messen Sie unabhängig davon regelmäßig mit einem validierten Oberarmgerät.

Wofür sind Smartwatches beim Herz-Kreislauf-System sinnvoll?

Für Herzfrequenz, Ruhepuls im Verlauf, Aktivität und Schlaf sind sie gut geeignet. Auch die Erkennung von Vorhofflimmern funktioniert bei einigen Modellen zuverlässig, weil dafür nur die zeitlichen Abstände zwischen den Herzschlägen ausgewertet werden.

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Quellen

  1. Journal of the American Medical Association: Population-Level Impact of Smartwatch Hypertension Notifications, 2026
  2. University of Utah Health: New Study Reveals Gaps in Smartwatch's Ability to Detect Undiagnosed High Blood Pressure, 2026
  3. Deutsche Hochdruckliga e. V. DHL: Blutdruckselbstmessung und validierte Messgeräte
  4. European Society of Hypertension: 2023 ESH Guidelines for the management of arterial hypertension
BR
BPER Redaktion

Die BPER Redaktion schreibt über Blutdruck, Puls und Herz-Kreislauf-Gesundheit. Alle Beiträge werden vor Veröffentlichung fachlich gegengelesen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Behandlung. Bei Beschwerden oder Fragen zu Ihrer Therapie wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.