Blutdruck bei Kälte: Warum die Werte im Winter steigen
Die Gefäße verengen sich, der Druck steigt: Im Winter liegen die Werte messbar höher als im Sommer. Wie groß der Effekt ist – und was das für Ihre Messroutine bedeutet.
Im Februar zeigt das Gerät 138 zu 88. Im Juli, mit demselben Gerät, am selben Arm, zur selben Uhrzeit: 128 zu 80. Viele Menschen kennen diesen Sprung aus dem eigenen Messblatt und halten ihn für einen Fehler – des Geräts oder des eigenen Körpers.
Er ist keiner. Der Blutdruck folgt der Außentemperatur, und zwar in eine vorhersagbare Richtung. Spannend wird die Frage, wie viel davon im Körper passiert – und wie viel nur in der Messung.
Warum der Blutdruck bei Kälte steigt
Kälte löst eine Reaktion aus, die den Körper vor Wärmeverlust schützt: Die Gefäße in der Haut und in anderen Körperregionen verengen sich. Weniger Blut fließt dorthin, wo es auskühlen würde.
Der Preis dafür ist Druck. Je enger die Gefäße, desto größer der Widerstand, gegen den das Herz anpumpen muss. Die Deutsche Herzstiftung beschreibt es so: Das Herz muss das Blut „gegen einen größeren Widerstand“ durch die Adern bewegen. Das belastet Herzmuskel und Gefäßwände.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, der seltener erwähnt wird: In der Kälte nehmen Gerinnungsneigung und Viskosität des Blutes zu. Es wird also nicht nur enger – das Blut selbst fließt zäher.
Wie deutlich das messbar ist, zeigt eine japanische Untersuchung an gesunden Versuchspersonen: Bei einer Raumluft von 24 °C lagen die Blutdruckwerte messbar niedriger als bei 14 °C. Zehn Grad Raumtemperatur genügen also, um einen Unterschied sichtbar zu machen – ganz ohne Winterspaziergang.
Wie groß der Effekt ist – und in welcher Einheit
Hier wird es unangenehm genau, und das aus einem guten Grund: Zu diesem Thema kursieren Zahlen, die sich nicht belegen lassen.
Was sich belegen lässt, stammt aus einer Analyse, auf die die Deutsche Hochdruckliga hinweist. Sie hat nicht „Winter gegen Sommer“ verglichen, sondern etwas Feineres untersucht: die Hauttemperatur als Zwischenglied zwischen Außentemperatur und Blutdruck.
Die Werte beziehen sich deshalb nicht auf Jahreszeiten, sondern auf eine Standardabweichung Hauttemperatur. Steigt die Hauttemperatur um diesen Betrag, verändert sich der systolische Wert so:
- tagsüber, an Händen und Füßen: −4,27 mmHg
- tagsüber, am Rumpf: −2,74 mmHg
- nachts, an Händen und Füßen: −2,62 mmHg
- nachts, am Rumpf: −2,68 mmHg
Diese Zahlen sind keine Antwort auf die Frage „Wie viel höher ist mein Blutdruck im Winter?“ Sie messen etwas anderes, in einer anderen Einheit. Wer sie in „X mmHg mehr im Januar“ umrechnet, erfindet eine Zahl.
Die ehrliche Auskunft lautet: Die Richtung ist eindeutig, der Effekt ist messbar, und die Größe hängt von Ihnen und Ihrer Umgebung ab. Genau deshalb ist die eigene Messreihe aussagekräftiger als jeder Durchschnittswert aus einer Studie.
Die Hände verraten mehr als der Bauch
Die interessanteste Zeile in der Aufstellung oben ist die erste. Sehen Sie sich den Unterschied zwischen Gliedmaßen und Rumpf am Tag an: −4,27 gegenüber −2,74 mmHg.
Die Analyse formuliert es noch deutlicher: Pro Grad Außentemperatur ist der über die Haut vermittelte Effekt an den Gliedmaßen tagsüber rund siebenmal so stark wie am Bauch. Nachts verschwindet dieser Unterschied weitgehend.
Für die Messung hat das eine Konsequenz, die kaum irgendwo steht: Wenn Ihre Hände kalt sind, ist der Wert, den die Manschette anzeigt, bereits dadurch verschoben. Nicht weil Ihr Kreislauf aus dem Ruder läuft, sondern weil sich die Messbedingung geändert hat.
Es ist derselbe Mechanismus, der auch sonst dafür sorgt, dass Ihr Blutdruck bei jeder Messung anders ist – nur dass er im Winter nicht zufällig schwankt, sondern systematisch in eine Richtung zieht.
Die Autoren der Analyse sind an dieser Stelle vorsichtig, und das gehört dazu: Ob gezieltes Warmhalten von Händen und Füßen kältebedingte Blutdruckanstiege verhindern kann, müssen erst Interventionsstudien klären. Beobachtet ist der Zusammenhang – der Nutzen einer Maßnahme ist damit noch nicht bewiesen.
Was das für Ihre Messroutine bedeutet
Aus dem Befund oben folgen vier praktische Punkte. Sie kosten nichts und machen Ihre Winterwerte vergleichbar:
- Nicht direkt nach dem Heimkommen messen. Wer gerade aus der Kälte kommt, misst eine Momentaufnahme der Gefäßverengung, nicht seinen Ruheblutdruck.
- Hände vorher wärmen. Fünf Minuten Ruhe sind ohnehin Pflicht – im Winter sinnvollerweise fünf Minuten im warmen Raum.
- Raumtemperatur notieren. Ein Messblatt mit der Spalte „Zimmer kalt / warm“ erklärt im Nachhinein mehr als jede Erinnerung.
- Immer im selben Raum messen. Küche im Sommer, Bad im Winter – das ist kein Vergleich.
Alles Weitere zur sauberen Messung – Manschettensitz, Armhöhe, Abstand zwischen zwei Messungen – steht in Blutdruck richtig messen. Welche Tageszeit sinnvoll ist, klärt Wann sollte man Blutdruck messen?.
Und wenn Sie wissen wollen, wie dieselbe Mechanik im Sommer in die andere Richtung wirkt: Blutdruck bei Hitze beschreibt das Gegenstück – weite Gefäße, Flüssigkeitsverlust, fallende Werte. Die beiden Artikel gehören zusammen.
Wer im Winter besonders aufpassen sollte
Die Deutsche Herzstiftung nennt mehrere Gruppen, bei denen Kälte den Kreislauf stärker belastet:
- koronare Herzkrankheit (KHK) und Zustand nach Herzinfarkt
- Angina pectoris
- Bluthochdruck und Herzschwäche
- Vorhofflimmern
- tiefe Venenthrombose
Zusätzlich bestehen mögliche Zusammenhänge mit Schlaganfällen, Lungenembolien und bestimmten Rhythmusstörungen. Wenn Sie zu einer dieser Gruppen gehören, ist die kalte Jahreszeit ein guter Anlass, die eigenen Werte wieder engmaschiger zu dokumentieren – und zu wissen, was Ihre Zahlen bedeuten.
Schneeschippen und andere Belastungen
Die Kombination, vor der Fachgesellschaften am deutlichsten warnen, ist Kälte plus plötzliche starke Anstrengung. Schneeschippen ist das Standardbeispiel: kalte Luft, verengte Gefäße, dazu eine kräftige Belastung aus dem Stand.
Die Empfehlung der Deutschen Herzstiftung ist entsprechend konkret: Verzichten Sie auf solche Spitzenbelastungen und gehen Sie stattdessen spazieren. Ein Schal über Mund und Nase wärmt die Atemluft vor. Bei strengem Frost lässt sich Training nach innen verlegen.
Bleibt die Frage, die viele im Winter beschäftigt: Muss die Medikation angepasst werden? Die Herzstiftung hält fest, dass eine Dosis-Anpassung bei kältebedingt steigenden Werten eine Lösung sein kann – und dass diese Entscheidung in die ärztliche Praxis gehört.
Ändern Sie Dosis, Zeitpunkt oder Einnahme niemals eigenständig. Was Sie tun können: mit einer dokumentierten Woche in den nächsten Termin gehen und das Thema Jahreszeit aktiv ansprechen. Damit ist das Gespräch deutlich produktiver als mit der Erinnerung, es sei „im Winter höher gewesen“.
Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten
- Wenn Ihre Werte über mehrere Wochen deutlich über Ihrem gewohnten Niveau liegen – auch dann, wenn Sie die Kälte für die Ursache halten
- Bei Druck oder Engegefühl in der Brust oder bei Luftnot während oder nach Kälteexposition
- Wenn Sie zu einer der Gruppen oben gehören und unsicher sind, wie Sie durch den Winter messen sollen
- Vor jeder Überlegung, an der Medikation etwas zu verändern
Bei plötzlichem starkem Brustschmerz, Luftnot, kaltem Schweiß, Sprach- oder Sehstörungen oder einseitiger Lähmung: sofort den Rettungsdienst unter 112 rufen.
So schildern Sie Ihre Beschwerden, dass Ihr Arzt etwas damit anfangen kann
Fünf Schritte für das nächste Arztgespräch – dazu eine Vorlage zum Ausdrucken, in die Sie Ihre Beobachtungen eintragen.
So klingt es meistens
„Mir war nachts wieder komisch. So ein Stolpern, und ich hab mich erschrocken."
„Beobachten wir mal weiter."
Der Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie es stattdessen schildern und welche Fragen Sie stellen. Was dafür fehlt, sind die Zahlen aus genau diesen zwei Minuten – und die zeichnet der BPER auf, Schlag für Schlag.
Häufige Fragen
Steigt der Blutdruck bei Kälte wirklich?
Ja, und der Mechanismus ist gut beschrieben. Kälte verengt die Gefäße in Haut und Körper, dadurch steigt der Widerstand, gegen den das Herz anpumpen muss. Zusätzlich nehmen Gerinnungsneigung und Viskosität des Blutes zu. Eine japanische Untersuchung fand bei 24 °C Raumluft messbar niedrigere Werte als bei 14 °C.
Um wie viele mmHg steigt der Blutdruck im Winter?
Eine belastbare allgemeine Zahl dafür gibt es nicht. Die zitierfähigen Werte stammen aus einer Analyse zur Hauttemperatur und beziehen sich auf eine Standardabweichung Hauttemperatur, nicht auf den Vergleich zweier Jahreszeiten. Wer daraus einen Winter-Sommer-Unterschied in mmHg macht, erfindet eine Zahl. Ihre eigene Messreihe ist hier aussagekräftiger.
Verfälschen kalte Hände die Blutdruckmessung?
Sie verschieben den Wert tatsächlich. Die Hauttemperatur wirkt als Zwischenglied zwischen Außentemperatur und Blutdruck, und tagsüber ist dieser Effekt an Händen und Füßen rund siebenmal stärker als am Bauch. Messen Sie deshalb nicht direkt nach dem Heimkommen, sondern erst nach fünf Minuten Ruhe im warmen Raum.
Soll ich meine Blutdruckmedikamente im Winter anpassen?
Diese Entscheidung trifft ausschließlich Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Die Deutsche Herzstiftung hält fest, dass eine Dosis-Anpassung bei kältebedingt steigenden Werten eine Lösung sein kann, und verweist dafür auf das ärztliche Gespräch. Ändern Sie Dosis, Zeitpunkt oder Einnahme nie eigenständig. Gehen Sie mit einer dokumentierten Woche in den Termin.
Warum ist Schneeschippen bei Kälte problematisch?
Weil zwei Belastungen zusammenkommen: Die Kälte hat die Gefäße bereits verengt, und das Schippen fordert aus dem Stand eine kräftige Anstrengung. Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt, auf solche Spitzenbelastungen zu verzichten und stattdessen spazieren zu gehen. Ein Schal über Mund und Nase wärmt zusätzlich die Atemluft vor.
Wer sollte im Winter besonders auf den Blutdruck achten?
Die Deutsche Herzstiftung nennt Menschen mit koronarer Herzkrankheit, nach Herzinfarkt, mit Angina pectoris, Bluthochdruck, Herzschwäche, Vorhofflimmern oder tiefer Venenthrombose. Zusätzlich bestehen mögliche Zusammenhänge mit Schlaganfällen, Lungenembolien und bestimmten Rhythmusstörungen. Wer dazugehört, dokumentiert in der kalten Jahreszeit besser engmaschiger.
Blutdruck verstehen – jede Woche ein Stück mehr
Ein Beitrag pro Woche: verständlich, geprüft, ohne Werbeversprechen. Kostenlos in Ihr Postfach.
Sie erhalten eine E-Mail zur Bestätigung (Double-Opt-in). Abmeldung jederzeit mit einem Klick. Es gilt unsere Datenschutzerklärung.
Quellen
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Behandlung. Bei Beschwerden oder Fragen zu Ihrer Therapie wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.